Es ist ein klassisches Szenario in fast jedem produzierenden Unternehmen. Die Geschäftsführung ruft eine weitreichende strategische Erneuerung aus. Man fordert von der Organisation künftig höchste Innovationskraft und Agilität. Gleichzeitig diktiert der Finanzvorstand ein striktes Kostensenkungsprogramm und eine Steigerung der operativen Effizienz. Auf den Präsentationsfolien im Konferenzraum fügen sich diese Forderungen harmonisch zusammen. Man spricht dann gerne von effizienter Innovation oder von agilem Sparen.

Trifft diese Doppelbotschaft jedoch auf die operative Realität, entfaltet sie eine toxische Wirkung. Wenn die Umsetzung in solchen Situationen blockiert ist, liegt das selten an mangelndem Verständnis der Belegschaft. Die wahre Ursache ist stattdessen ein massiver strategischer Zielkonflikt, der auf oberster Ebene ungelöst blieb und schlichtweg nach unten delegiert wurde.

Das Delegieren von Paradoxien

Unternehmen müssen heutzutage gewissermaßen beidhändig arbeiten. Die rechte Hand betreibt das klassische Tagesgeschäft und kümmert sich um Effizienzsteigerungen und Kostensenkungsprogramme. Die linke Hand muss zeitgleich nach strategischer Erneuerung streben. In der Organisationsforschung wird diese Gleichzeitigkeit von völlig gegensätzlichen Anforderungen als organisationale Beidhändigkeit oder als strategisches Paradoxon bezeichnet.

Die entscheidende Aufgabe des Managements besteht nun darin, diese grundlegenden Spannungen auszubalancieren. In der Praxis entziehen sich viele Führungsteams jedoch genau dieser schwierigen Aufgabe. Anstatt klare Prioritäten zu setzen, geben sie beide Ziele völlig unpriorisiert an das mittlere Management weiter. Die Abteilungsleiter sollen einerseits die Kosten radikal senken und andererseits aufwendige neue Prozesse einführen. Der ungelöste intellektuelle Konflikt des Vorstands wird auf diese Weise zu einem unlösbaren operativen Problem der Basis.

Die operative Lähmung

Auf dem Shopfloor und in den Fachabteilungen konkurrieren die neuen Initiativen nun unmittelbar mit dem Tagesgeschäft um dieselben knappen Ressourcen. Die Belegschaft spürt sofort, dass sie nicht gleichzeitig viel Zeit in das Erlernen neuer Methoden investieren und im selben Moment die tägliche Ausbringungsmenge auf Rekordniveau halten kann. Wenn Menschen mit solch unvereinbaren Forderungen konfrontiert werden, reagieren sie fast immer mit Stillstand oder mit einem kompletten Rückzug in alte Muster.

Sie orientieren sich in diesem Dilemma stets an den härtesten Kriterien. Wenn am Ende des Monats die reinen Produktionszahlen oder die Kostenziele über Bonuszahlungen und Karrieren entscheiden, wird jede langfristige Veränderungsinitiative sofort fallen gelassen. Der Wandel verhungert regelrecht an der Basis, weil das Tagesgeschäft die gesamte Energie aufzehrt. Das Management deutet diese operative Lähmung dann oft fälschlicherweise als mangelnde Wandlungsbereitschaft. Dabei verhalten sich die Mitarbeitenden völlig rational gegenüber einer absolut paradoxen Anreizstruktur.

Führung bedeutet Klärung

Wer weitreichende Veränderungen im Betrieb verankern will, darf das Topmanagement nicht aus der Verantwortung entlassen. Wirksame Führung muss die strategischen Zielkonflikte auflösen, bevor sie die Basis erreichen. Das bedeutet ganz konkret, dass man für die Phase der Transformation die operativen Effizienzziele vorübergehend anpassen oder zusätzliche Ressourcen bereitstellen muss.

Man kann von einer Abteilung nicht verlangen, dass sie den Motor bei voller Fahrt auf der Autobahn austauscht, ohne dass das Fahrzeug an Geschwindigkeit verliert. Wahre Führung beweist sich darin, diesen enormen Druck von der Belegschaft zu nehmen. Nur wenn die Vorgesetzten die widersprüchlichen Erwartungen klären und einen eindeutigen operativen Fokus vorgeben, haben die Mitarbeitenden überhaupt erst die Möglichkeit, ihr Verhalten dauerhaft zu verändern.

Fazit

Wenn Initiativen im Betriebsalltag wiederholt stecken bleiben, liegt die Ursache oftmals in kollidierenden Zielen. Das Topmanagement muss begreifen, dass strategische Paradoxien nicht durch motivierende Appelle gelöst werden. Sie erfordern glasklare Prioritäten, den Mut zu temporären Leistungseinbußen und eine echte Führung, die den ständigen Konflikt zwischen Tagesgeschäft und Erneuerung aktiv steuert.

Wissenschaftliches Fundament und Leseempfehlungen

Die in diesem Artikel beschriebenen Konflikte und Paradoxien basieren auf fundierten Erkenntnissen der Managementforschung. Für eine wissenschaftliche Vertiefung empfehle ich die folgenden Publikationen:

Zur organisationalen Beidhändigkeit und dem Konflikt mit dem Tagesgeschäft

Die absolute Notwendigkeit, das effiziente Tagesgeschäft und die strategische Erneuerung gleichzeitig zu bewältigen, sowie die enormen Herausforderungen für die Unternehmensführung werden hier exzellent dargelegt:

Krüger, W., & Bach, N. (Hrsg.). (2014). Excellence in Change: Wege zur strategischen Erneuerung (5. Aufl.). Wiesbaden, Springer Gabler.

Raisch, S., & Birkinshaw, J. (2008). Organizational ambidexterity: Antecedents, outcomes, and moderators. Journal of Management, 34(3), 375-409.

Zu organisationalen Paradoxien und kollidierenden Anforderungen

Wie sich widersprüchliche Anforderungen an der Basis konkret auswirken und wie Individuen mikropolitisch auf diese Paradoxien reagieren, analysiert diese fundierte Forschungsarbeit:

Miron-Spektor, E., et al. (2018). Microfoundations of organizational paradox: The problem is how we think about the problem. Academy of Management Journal, 61(1), 26-45.