Jedes Unternehmen besitzt zwei unterschiedliche Strukturen. Die erste Struktur ist das offizielle Organigramm mit seinen klar definierten Hierarchien und Abteilungen. Die zweite Struktur besteht aus persönlichen Netzwerken, langjährigen Beziehungen und etablierten Abhängigkeiten. Das ist die informelle Organisation.
Wenn weitreichende Entscheidungen getroffen werden, plant das Management den Wandel meist exakt nach dem offiziellen Organigramm. In der Praxis verfehlen diese Vorhaben jedoch oftmals ihre Ziele. Die Forschung zur Integration von Unternehmen zeigt beispielsweise, dass eine hohe Zahl von Übernahmen und Transformationsprojekten scheitert oder weit hinter den Erwartungen zurückbleibt. In meiner operativen Laufbahn habe ich vielfach erlebt, dass solche Projekte nicht an den strategischen Fakten scheitern, sondern an der unsichtbaren Mikropolitik der Belegschaft.
Die Grenzen der formalen Führung
Führungskräfte gehen gelegentlich davon aus, dass formale Autorität automatisch zu Gefolgschaft führt. In der operativen Realität orientieren sich die Mitarbeitenden jedoch oft viel stärker an informellen Meinungsführern. Diese Personen beziehen ihren Einfluss aus ihrer fachlichen Erfahrung, einer langen Betriebszugehörigkeit oder einer starken sozialen Vernetzung. Wenn solche informellen Akteure eine neue Unternehmensstrategie ablehnen, haben selbst umfangreiche Kommunikationskampagnen des Managements einen schweren Stand. Die Belegschaft schenkt der Skepsis direkter Kollegen oftmals mehr Vertrauen als den abstrakten Plänen der Geschäftsführung.
Informelle Netzwerke und Koalitionen
Veränderungen erzeugen unweigerlich Unsicherheit. Wenn gewohnte Prozesse aufgebrochen werden, formieren sich an der Basis schnell Koalitionen, um die eigenen Interessen zu wahren. Die Mitarbeitenden ziehen sich in vertraute Zirkel zurück. In diesen informellen Netzwerken haben sich über Jahre hinweg eigene Routinen und Normen etabliert. Wer zur Gruppe gehört, wird unterstützt. Solche informellen Allianzen fungieren als starker Filter für alle offiziellen Informationen und können Veränderungsprozesse signifikant verlangsamen oder in eine andere Richtung lenken.
Der verdeckte Widerstand
Informelle Macht äußert sich in den seltensten Fällen durch offenen Widerspruch. Es ist die absolute Ausnahme, dass jemand im großen Rahmen dem Management direkt die Gefolgschaft verweigert. Der Widerstand formiert sich stattdessen subtil im Flurfunk oder ganz konkret während der alltäglichen Zusammenarbeit mit bestimmten Kollegen. Die empirische Forschung belegt, dass insbesondere das mittlere Management hier eine entscheidende Rolle spielt, da es formale Vorgaben in die Praxis übersetzen muss und dabei seine überlegene operative Detailkenntnis nutzen kann, um Veränderungen durch mikropolitisches Manövrieren gezielt auszubremsen. Entscheidungen werden im operativen Alltag dann einfach ausgesessen, Prioritäten werden verschoben oder angebliche Kapazitätsengpässe werden vorgeschoben, um neue Prozesse zu verzögern. Das Unternehmen verliert dadurch schleichend wertvolle Energie an verdeckte Konflikte.
Die blinden Flecken des Managements
Oftmals verstärken Führungskräfte diese informellen Dynamiken unbewusst selbst. In stressigen Phasen stützen sich viele Manager auf einen kleinen Kreis an persönlichen Vertrauten, denen sie besondere Freiräume einräumen. Diese informellen Sonderbehandlungen werden vom Rest der Belegschaft sehr aufmerksam registriert und als ungerecht wahrgenommen. Wenn eine Führungskraft eine solche Bevorzugung zulässt, schwächt sie ihre eigene Position maßgeblich. Es fehlt ihr dann an der nötigen Glaubwürdigkeit, um die informellen Silos an der Basis aufzubrechen.
Informelle Macht aktiv steuern
Wirksame Führung bedeutet, diese unsichtbaren Strukturen sachlich zu analysieren und aktiv zu steuern. Ein professionelles Change Management identifiziert die wahren Meinungsführer frühzeitig und bindet diese gezielt in den Veränderungsprozess ein. Wenn es gelingt, diese Schlüsselfiguren für den neuen Weg zu gewinnen, ziehen diese das restliche Team meist organisch mit. Gleichzeitig müssen Akteuren, die ihre informelle Macht primär blockierend einsetzen, klare Grenzen aufgezeigt bekommen. Das Management muss eine Kultur der psychologischen Sicherheit etablieren, in der operative Bedenken im formellen Rahmen offen diskutiert werden dürfen, anstatt im Verborgenen unkontrolliert zu eskalieren.
Fazit
Die nachhaltige Erneuerung eines Unternehmens lässt sich kaum allein über das Organigramm anordnen. Echte strategische Erneuerung gelingt, wenn das Management begreift, dass Organisationen immer auch politische und soziale Systeme sind. Wer die Umsetzungslücke schließen will, muss die informelle Macht im Betrieb nicht nur akzeptieren, sondern sie zu einem zentralen Hebel der eigenen Führungsarbeit machen.
Wissenschaftliches Fundament und Leseempfehlungen
Die in diesem Artikel beschriebenen mikropolitischen Widerstände und die hohen Misserfolgsquoten bei Transformationen sind in der Forschung tief verankert. Für eine wissenschaftliche Vertiefung empfehle ich die folgenden Publikationen:
Zur hohen Misserfolgsquote bei Integrationen und weichen Faktoren
Dass M&A-Transaktionen und Transformationen sehr häufig scheitern und die Ursachen meist in der Vernachlässigung der Unternehmenskultur und Integration liegen, belegen klassische und aktuelle Arbeiten gleichermaßen:
Cartwright, S., & Cooper, C. L. (1993). The Psychological Impact of Merger and Acquisition on Employees. Journal of Management Studies, 30, 327-347.
Haspeslagh, P. C., & Jemison, D. B. (1991). Managing acquisitions: Creating value through corporate renewal. New York, Free Press.
Zur Koalitionsbildung und politischen Dynamik an der Basis
Die Herausbildung von Interessengruppen und informellen Allianzen durch die Belegschaft in Krisen- oder Veränderungszeiten ist das Kernthema dieser Arbeit:
Stahl, J. (2013). Organisationaler Wandel durch Koalitionsbildung. Wiesbaden, Springer.
Zum unsichtbaren Widerstand und der Mikropolitik des mittleren Managements
Wie das mittlere Management offizielle Strategien durch seinen eigenen Filter wahrnimmt und durch gezielte politische Argumentation den Wandel blockieren kann, zeigt diese exzellente Studie:
Vaara, E. (2003). Post-acquisition integration as sensemaking: Glimpses of ambiguity, confusion, hypocrisy, and politicization. Journal of Management Studies, 40(4), 859-894.